Am nächsten Morgen um sechs Uhr zog Lars den Kirchen-Mitarbeiter unter wüsten Beschimpfungen aus dem Sessel und stopfte ihn in eine Abstellkammer, die er anschließend verschloss.
Danach stieß er Ole mit dem Fuß an. „Wach auf, du Missgeburt. Wie kann man nur so lange schlafen?“
„Nun benimm dich mal nicht wie ein Arschloch und hör auf mich zu treten!“ Beschwerte sich Ole.
„Was? Bist du schwul?“ Empörte sich Lars. „Ich hab dich nicht getreten, ich hab dich angestoßen.“
„Ja, mit dem Fuß angestoßen. Das ist treten.“ Erklärte Ole.
„Nein. Hallo. Was redest du für einen Müll?“ Lars schaute verachtend zu seinem Bruder herunter, der noch immer nicht aufgestanden war und machte Anstalten ihn erneut mit dem Fuß ‚anzustoßen‘.
Ole hielt den Fuß auf, der auf ihn zu schoss. „Nun benimm dich mal nicht wie mit vierzehn. Hast du in den letzten hundert Jahren nicht dazugelernt, wie man sich benimmt?“ Er setzte sich auf die Bettkannte und stützte seinen Kopf auf die Hände und wartete, dass er wach wurde.
„Ach verpiss dich doch, du Behinderter.“ Lars schnappte sich den Rucksack und ging aus der Wohnung. „Ich warte draußen.“
„Hm“, stöhnte Ole und zog sich an. Er war noch einen Blick zur Abstellkammer und folgte dann seinem Bruder.
Mit dem Bus fuhren sie zum Forschungszentrum.
Zur gleichen Zeit standen auch Cordula und Frank auf. Allerdings beschimpften sie sich nicht, sondern küssten sich. Eigentlich wollten sie schnell aufbrechen, doch sie nahmen sich trotzdem die Zeit ausgiebig ihre Zungen aneinander zu reiben.
„Das habe ich wirklich vermisst.“ Sagte Frank.
„Hmmm“, antwortete Cordula.
Während sie sich anzogen versuchte Frank Lukas zu erreichen. Es dauerte geschlagene fünf Minuten, bis der sich meldete.
„Was gibt’s?“, brachte er mit rauer Stimme hervor. „Warum weckst du mich mitten in der Nacht?“
„Es ist nicht mitten in der Nacht, es ist morgens.“ Verbesserte ihn Frank.
„Ja ja. Was willst du?“ Fragte Lukas nicht weniger mürrisch.
„Wir sind gestern wieder hier in die Sahara gefahren“, mischte sich Cordula ein. „Ole und Lars sind auf dem Weg ins Forschungszentrum.“
„Ich weiß.“ Sagte Lukas wenig verwundert.
„Du weißt?“, empörte sich Cordula. „Und was meinst du, wann du uns das erzählen wollest?“
„Was denn?“ reagierte Lukas gelassen. „Das ist doch nicht meine Sache.“
Ein kleiner Hoffnungsschimmer flammte in Lukas auf. „War’s das? Dann kann ich ja wieder schlafen gehen.“
„Nein. Warte!“ Hielt ihn Frank gerade noch auf, bevor Lukas auflegen konnte. „Weißt du wo sie sind? Kannst du mit ihnen Kontakt aufnehmen. Auf unsere Anrufe reagieren sie nicht.“
„Ja … warte mal.“
Nach kurzer Zeit meldete sich Lukas wieder. „Nein, die reagieren nicht.“
Lukas erzählte, dass er den Beiden den Grundriss des Gebäudes verschafft hatte. Ebenso war es seine Idee die Thermitfackel mitzunehmen. Er hatte häufig als Kind bei ‚Clever!‘ die Versuche mit diesem Material gesehen. Dort wurde jedes Mal ein wahres Inferno entfacht, wenn diese Thermit entzündet wurde. Wo sich Ole und Lars momentan aufhielten wusste er jedoch auch nicht.
Cordula und Frank ließen sich ebenfalls den Grundriss von Lukas geben und machten sich auf den Weg zum Forschungszentrum.
Eine Stunden später hockten Ole und Lars im Gebüsch vor dem Gelände der Sammler-Kirche.
Lars zog die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf und steckte seine roten Hände in die Tasche.
„Hättest dir doch noch eine Jacke überziehen sollen. Schließlich ist Winter.“ Neckte Ole seinen Bruder.
„Halt‘ die Fresse“, antwortete dieser knapp.
Eine Gruppe Mitarbeiter aus dem letzten Bus verschwand gerade in Gebäude. Weiter waren jetzt keine Menschen mehr in der Nähe. Außer dem Wachmann am Eingang, der warm in seinem kleinen Häuschen am Zaun saß.
„Jetzt kannst du.“ Gab Ole das Signal.
Lars stand auf und schlenderte zum Wachmann. Zwanzig Meter entfernt blieb er stehen, baute sich einen Schneeball und warf ihn gegen die Scheibe des Häuschens. Empört platzte der Wachmann aus der Tür, als Lars bei ihm ankam.
„Hey sag mal dicker, vielleicht kannst du mir da bei einer Sache helfen.“ Begann Lars ein Gespräch so freundlich, wie er konnte und trat dicht an den angesprochenen heran.
„Was willst du Junge? Was soll dieser Mist mit dem Schneeball?“ Der Wachmann schien nicht bereit für eine gepflegte Unterhaltung zu sein.
„Ich hab mich schon immer gefragt, warum ihr Leute immer solche schwulen Mützen tragt.“ Lars wies auf die Kopfbedeckung der Wächteruniform.
Der Wachmann wollte gerade zu einer empörten Antwort ansetzen, als Lars zu dessen Mütze griff und damit davon sprintete. Eine Schrecksekunde blieb der bestohlene wie angewurzelt stehen, dann setzte er dem Dieb hinterher. Lars war jedoch nicht einzuholen, auch wenn sein Laufstiel aussah, als hätte er eine vollgeschissene Windel an, so war er doch einfach zu schnell für seinen Verfolger. Darum schaute sich Cordulas Sprinter-Sohn mehrfach um und sah zu, dass er keinen allzu großen Vorsprung aufbaute, als er an der Hecke vorbei kam, hinter der sein Bruder wartete.
Als der Wachmann prustend an Ole vorbei kam, sprang dieser hinter seinem Sichtschutz hervor und stürzte sich von hinten auf ihn. Gemeinsam mit seinem Bruder fesselten sie ihn mit einem Band aus dem Rucksack und dem Klebeband klebten sie ihm den Mund zu. Sie zogen ihn hinter die Hecke.
Gerade als sie weggehen wollten holte Ole eine Wolldecke heraus, die er aus der Wohnung des Mitarbeiters mitgenommen hatte und wickelte sie um den Wachmann. „Hier, damit dir nicht kalt wird. Wir binden dich los, wenn wir wieder zurück kommen.“ Versprach er.
Eiligen Schrittes und in geduckter Haltung passierten sie das nun unbesetzte Haupttor und gingen zum Hintereingang des Hauptgebäudes.
Cordula und Frank verließen mit einer kleinen Gruppe Mitarbeiter aus dem Forschungszentrum den Bus. Sie überlegten gerade, wie sie vorgehen sollten und ob Cordulas Kinder vielleicht schon auf das Gelände gelangt sind, als sie einen kleinen Aufruhr am Wächterhäuschen bemerkten.
Die Mitarbeiter aus dem Bus standen dort in einer Traube beieinander und schauten sich verwirrt um. Als Cordula und Frank zu ihnen traten, bemerkten sie, dass kein Wärter dort war um die ankommenden Mitarbeiter zur registrieren und durch zu lassen. Cordula und Frank gingen unauffällig hinter ihnen vorbei und schlenderten auf das Gelände.
Als sie beim Hauptgebäude ankamen flog gerade die Tür auf und zwei Sicherheitsleute stürzten auf sie zu. Sie belegten Cordula und Frank mit einem skeptischen Blick, liefen aber an ihnen vorbei zum Geländetor. Durch die Glastür sahen sie, dass der Empfangstresen noch immer besetzt war.
Frank hielt Cordula am Arm fest. „Hier kommen wir nicht rein. Wir müssen uns einen anderen Weg suchen.“ Er überlegte einige Zeit und schaute die Nebengebäude an. „Dort drüben.“ Frank zeigte auf ein Flachdachgebäude mit großen Glasfenstern. „Das ist die Kantine, von dort aus gibt es einen Flur im Keller, der in das Hauptgebäude führt.
Sie hielten unauffällig die Tür zur Kantine auf, als sich gerade ein Mitarbeiter authentifiziert hatte und die Verrieglung öffnete, bevor sich diese wieder ganz schließen konnte.
In der Kantine war nicht viel los. Nur wenige Menschen saßen an den Tischen und nahmen ein frühes Frühstück zu sich.
Frank schaute sich die Leute an, wie sie über ihren Tabletts saßen und fand, wonach er suchte. Ein fülliger Mitarbeiter hatte seine Zugangskarte unachtsam neben sein Tablett gelegt. Frank öffnete einen weiteren Knopf an der Vorderseite von Cordulas Oberteil, wodurch ein noch tieferer Blick in ihr Dekolleté möglich war, wenn sie sich nach vorne beugte. An der Ausgabe holte er eine Tasse Kaffee für Cordula und ein Glas Orangesaft für sich und instruierte sie.
Wie abgesprochen näherte sich Cordula mit ihrem unnachahmlich freundlichen Lächeln von vorne diesem Mitarbeiter. Sie beugte sich weit vor, als sie ihren Kaffee auf den Tisch stellte und fragte: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
In der Zwischenzeit hatte sich Frank von der Seite genähert. Er schrie gespielt entsetzt auf, als er so tat, als würde er stolpern.
Der Mitarbeiter riss seinen Kopf zur Seite, weg von dem weit verführerischen Anblick vor ihm und sah mit entsetzten Augen, wie ihm der Inhalt eines Glases Orangensaft entgegen kam.
Sich überschäumend entschuldigend wischte Frank mit einer Serviette auf dem Tisch herum, vordergründig um sein Missgeschick zu beseitigen, wahrhaftig aber um die Zugangskarte unauffällig an sich zu bringen.
Wild fluchend entfernte sich der besudelte Man in Richtung Toiletten. Als er vor der Tür des Männer WCs stehen blieb und seine Taschen nach seinem Ausweis durchsuchte, fiele ihm ein, wo er ihn hingelegt hatte. Er schaute zurück zu seinem orangigen Sitzplatz.
In diesem Moment hatten Cordula und Frank aber bereits die Kantine verlassen und standen im Treppenhaus zum Keller. Cordula schlang die Arme um Frank und küsste ihn leidenschaftlich.
„Wir müssen weiter“, drängelte Frank, als er zu Atem kam und knöpfte ihr das Oberteil wieder zu.
Ole und Lars waren derweil ohne Probleme durch den Hintereingang in das Gebäude gekommen. Sie gingen durch die Flure in das Treppenhaus Richtung Keller. Auf ihrem Weg sprühten sie die Linsen der Überwachungskameras mit schwarzem Lack ein um nicht gesehen zu werden.
Da der Raum mit dem Tresor, in dem die Aufzeichnungen des Oberhauptes der Sammler-Kirche war, auf ihrem Weg zu den Arrestzellen lag, gingen sie zuerst dort hin.
Sie klopften gegen die Glastür um die Aufmerksamkeit der beiden Wachen im Innern auf sich zu ziehen.
Wiederwillig schauten die sich um.
Ole zog ein schreiben vom Finanzamt aus seinem Rucksack und hielt es, scheinbar unabsichtlich so weit entfernt von der Tür den Wächtern entgegen, dass diese den Inhalt nicht lesen konnten.
Die Wachen schauten sich fragend an und zuckten mit den Schultern. Öffneten aber dann doch um nachzufragen, was los sei.
Lars startet seine bekannte Attacke gegen die Tür, was den ersten Wachmann rückwärts von den Beinen schleuderte. Die zweite Wache wollte gerade nach seinem Elektroschocker am Gürtel greifen, als Ole einen Ausfallschritt nach vorne machte und ihm den Ellenbogen in den Bauch hieb.
Die erste Wache schüttelte seine Benommenheit ab und richtete sich gerade auf die Ellenbogen auf, als er mit weit aufgerissenen Augen Lars auf sich zuspringen sah. Dieser landete mit seinen Knien auf der Brust der wehrlosen Wache, was dieser die Luft aus den Lungen trieb. Mit einem Ringer-Griff drehte er den ersten Wachmann auf den Bauch und verdrehte ihm die Arme auf dem Rücken.
Ole befand sich derweil in einem Händeringen um den Elektroschocker. Sobald einer nach dem Gerät am Gürtel greifen wollte schlugt der Andere die Hand weg oder verdrehte des Anderen Handgelenks.
„Los Ole, mach die Missgeburt fertig!“ Erklang der Aufmunternde Zuruf seines Bruders.
Das veranlasste den zweiten Wachmann kurz einen Seitenblick zu seinem am Boden liegenden Kollegen zu riskieren. Das war jedoch ein Fehler, da er für den Bruchteil einer Sekunden unaufmerksam war und es Ole gelang seinen kleinen Finger zu greifen und nach hinten zu brechen. Der Wächter schrie auf, als Ole den Griff des Schockers umfasste. Ole nahm sich jedoch nicht die Zeit das Gerät aus dem Gürtel zu ziehen, sonder drückte gleich ab. Fünfhundertausend Volt jagten in die Hüften des Wachmanns und legten ihn augenblicklich schlafen. Da Ole noch immer den Griff des Elektroschockers in der Hand hielt rutschte das Gerät aus dem Gürtel, als der Wächter unter ihm zusammensackte.
Einen Wimpernschlag schaute Ole auf die Waffe in seiner Hand, dann warf er sie seinem Bruder zu.
Dieser wendete das Gerät ohne zu zögern auf sein unter ihm liegendes Opfer an.
Zwei ausgeschaltete Wachleute lagen vor ihnen auf dem Boden, als Ole bemerkte: „Na, das war ja einfacher, als gedacht.“ Er grinste seinen Bruder an.
Cordula und Frank gingen unterdessen unbehelligt durch die Kellergänge Richtung Hauptgebäude. Vor dem Eingang blieb Cordula stehen. „Wohin sollen wir überhaupt gehen?“
„Na, ich würde sagen zu den Arrestzellen. Wenn Ole und Lars hier sind oder hierher kommen, dann werden sie sicherlich zuerst dort nach Armin suchen.“ Antwortete Frank.
In diesem Augenblick begann die Alarmsirene zu heulen.
Als Lars gerade die Thermitfackel aus dem Rucksack holte, begannen die Alarmsirene zu heulen.
„Mist“, stieß Ole aus, als er sich die Arbeitshandschuhe überzog.
Sein Bruder drückte ihm die Fackel in die Hand und hielt ihm danach das angezündete Feuerzeug entgegen.
Ole schaute seinem Bruder kurz in die Augen und strich mit der Fackel über die Flamme.
Die Thermitfackel entzündete sich augenblicklich und eine Stichflamme schoss unter ohrenbetäubendem Rauschen aus der Spitze. Ole riss sich zusammen, beeindruckt von den entzündeten Kräften, und richtete die Fackel auf das obere Scharnier der Tresortür. Funken schlugen gegen das Metall, das sich unter der Fackel verflüssigte. Rauch stieg auf und der kleine Raum begann sich zu verdunkeln. Es würde schnell unerträglich warm.
Doch die Fackel hielt nicht lange durch, noch bevor das erste Scharnier durchtrennt war erlosch die Flamme und es blieb eine kirschrot glühende Metallstange in Oles Hand zurück. Verärgert schmiss er sie von sich. „So ein Mist.“ Er trat gegen den Rucksack. „Und wir haben nur eines von diesen verdammten Dingern mitgenommen.“
Lars packte seinen Bruder am Arm. „Scheiß drauf. Auf zu den Arrestzellen!“
Gemeinsam liefen sie aus dem Tresorraum heraus, bogen rechts um die Ecke und kamen am Serverraum vorbei während ununterbrochen die Alarmsirene durch die Flure hallte. Sie bogen erneut rechts ab Richtung Arrestzellen.
An der Tür am Ende des Ganges benutzte Lars die Zugangskarte. Das Gerät leuchtete rot und weigerte sich mit einem hellen Ton sie passieren zu lassen. Lars versuchte es erneut und zog die Karte durch den Schlitz. Mit dem gleichen Ergebnis. „Verfickte Scheißtür!“
„Gib mal her.“ Ole nahm seinem Bruder die Zugangskarte aus den Händen. Doch auch seine Versuche blockierte das Gerät.
Ole wollte gerade wütend die Zugangskarte auf dem Boden werfen, als sich hinter ihnen eine Tür öffnete. Ein Forscher in weißem Kittel schaute aus der Tür und Fragte: „Was soll denn dieser Alarm?“
Zwanzig Sekunden später hatte Ole eine andere Zugangskarte in der Hand und der Wissenschaftler saß bewusstlos im Flur. Diese ließ sie passieren.
Sie gingen durch die Tür und sahen in den Flur vor sich. Am Ende lag die rote Tür zu den Arrestzellen. Die Brüder schauten sich in die Augen und rannten los.
Währenddessen waren auch Cordula und Frank im Hauptgebäude. Sie rannten einen Flur entlang.
„Dort vorne rechts sind die Arrestzellen.“ Rief Frank und schaute sich zu Cordula um, die hinter ihm lief.
Als er wieder nach vorne schaute sah er aus dem Augenwinkel einen Schatten, der aus dem Gang gegenüber der Tür zu den Arrestzellen auf ihm zu kam. Es ging jedoch alles viel zu schnell, als dass Frank noch hätte reagieren können. Also Stießen sie zusammen, purzelten übereinander und verknoteten sich Arme und Beine.
Vier Menschen lagen keuchend auf dem Boden.
„Was macht ihr denn hier?“ Fragte Ole erstaunt, als er wieder zu Sinnen kam und bemerkte, mit wem sie zusammengestoßen war.
„Euch vor einer Dummheit bewahren.“ Sagten Frank und Cordula, wie aus einem Mund.
Cordula schaute Frank an. „Zweitausendundzehn plus vier.“ Sagte sie lächelnd.
In diesem Moment sprang die rote Tür auf und ein Schwall von unzähligen Sicherheitsleuten ergoss sich über die Eindringlinge. Sie umringten die verknoteten Einbrecher und richteten ihre automatischen Waffen auf sie.
„Sie sind festgenommen!“
23. Dezember 2109